Ironman 70.3 Zell am See

Alles ist gepackt. Die Nervosität steigt. Morgen geht es Richtung Zell. Die Emails von Ironman habe ich absichtlich Ignoriert. Dafür bekomme ich jeden Tag eine Ansage von Denis, wenn ich ihn etwas Frage: "das steht in den Emails, lies die endlich mal!" Aber der Teufel steckt ja im Detail. Je mehr ich weiß, umso mehr begreift  mein kleines Gehirn, worauf ich mich da eingelassen habe. Am Tag vor dem großen Event werden mir die wichtigen Infos ohnehin auf der Wettkampfbesprechung vorgelesen. Ich hatte gehofft, danach weiß ich über alles bescheid und bin vor allem beruhigt. Allerdings fühle ich mich danach nicht besser. Aus den 800 Höhenmetern auf der Radstrecke wurden mal eben 1288 Höhenmeter und mindestens 5 Gefahrenstellen. Durch mein hervorragendes Kartengedächtnis kann ich mir nicht eine Stelle merken. Es bleibt: PANIK. Ich rechne wieder im Kopf los. Ich muss beim Schwimmen und auf dem Rad so viel Zeit rausholen, dass ich zur Not den Halbmarathon spazieren gehen kann. Mein Fuß ist immer noch nicht fit und eigentlich wollte ich gar nicht starten, denn so eine Sehnenentzündung, die man fast 1 Jahr mit sich schleppt wird durch so ein Vorhaben sicherlich nicht besser. Mein Doc hatte mir zwar grünes Licht gegeben, aber mein Gefühl sagt mir, das kann nicht Gesund sein. Meine Vorbereitung für den Halbmarathon lag also im konsequenten nicht laufen seit 5 Wochen. Aber Ironman ist hier ein sehr undankbarer Veranstalter. Also starten oder Geld weg.

 

Nur 14 km Anstieg...tzzzzzz

 

Daher versuche ich mein Glück und setze mein Ziel auf ein schlichtes "ankommen" um.  Zur Beruhigung, fahren wir die Radstrecke mit dem Auto ab. Es geht Bergauf und immer noch Bergauf. Es sind 14 km Bergauf. Selbst im Auto kommt es einem vor als würde dieser Berg nie enden. Dann kommen die 14 %. Ich in meiner Lächerlichkeit dachte mir vorher noch... tzzzz 14%, bei Rad am Ring sind es 17% und die fahre ich drei Mal hoch. Aber diese 14% hier sind andere, nie endende 2 km lange. Ich bekomme noch mehr Panik. Aber zum Glück ist die Panik für den Bergauf schnell vergessen. Als ich die Abfahrt sehe, bin ich mir sicher, dass ich das erste mal Bergab absteigen werde und lieber schiebe. Es geht steiler runter als hoch. Mit Gefahrenstellen geht man hier auch nicht um, wie in Deutschland: Ein "Achtung" und es folgt eine kleine Linkskurve. Hier meint Gefahrenstelle, eine Herzrasenstelle mit Pipi in den Augen und Angstschweiß auf der Stirn. Ich habe im Auto einen Puls von einem Eichhörnchen und habe Angst. Richtige Angst. Das Laufen interessiert mich gar nicht mehr und das persönliche Ziel "ins Ziel kommen" wird durch ein "im ganzen Stück" ersetzt. Denis war genauso klug und ist die Strecke mit dem Auto abgefahren. Lediglich mein Fan versucht mich zu beruhigen. Ergebnislos. Es folgt eine lange Nacht.

 

Wieso den jetzt Regen?

 

Nach dem Frühstück fahren wir zum Start. Mein Triathlonrad, Miss Perfect, war diese Nacht nicht bei mir. Ich musste sie zu den anderen in die Wechselzone stellen. Ich habe sogar die Schuhe am Rad gelassen, dieses mal wird es professionell. Allerdings nur, weil ich mich mit dem Fuß nicht ausklicken kann ohne vor Schmerzen Übelkeit zu empfinden. Jetzt steht sie da, die Schuhe nass vom Regen der Nacht, endlich gewaschen. Nicht, dass sie es nötig hätten, aber nach dem Schwimmen werde ich ohnehin nass sein. Ich besuche meine Lady und wechsle die Einlegesohlen in den Radschuhen. Meine Wechselzonenbeutel mit den Rad- und Laufsachen sind noch in Ordnung und trocken geblieben. Immerhin bleibt Zeit um vor dem Start noch einen Kaffee am See zu schlürfen. Die Nervosität steigt ins unermessliche.

 

Zum Glück nicht allein

 

Ich pelle mich unter dem Grinsen meines Fans in meinen Neo. Als ich zum Start gehe und mich von meinem Fan verabschiede, halte ich Ausschau nach Denis, Sebastian und Sascha. Kein bekanntes Gesicht. Ich ordne mich in die Schwimmzeit zwischen 35 und 45 Minuten für die 1,9 km ein. Die anderen wollten sich auch hier einordnen. Ich sehe Denis und Sebastian. Beide stehe am Rand vom See und beobachten den Start der Profis. Ich geselle mich zu Ihnen, bin froh nicht alleine auf den Beginn des Ganzen warten zu müssen. Langsam watscheln wir zum See. Es geht los. Ich will endlich ins Wasser. Kurz vor dem Wasser frage ich einen neben mir, wo denn die Zeitmesslinie ist. Seine Antwort, "die war schon da vorne" meine Antwort :"ok, keine Zeit mehr, muss los" und weg war ich. Platsch in das Wasser und los geht's. Ich werfe meine Arme im gewohnten Takt um mich. Durch den Wellenstart hält sich die Prügelei auf den ersten Metern in Grenzen und ich finde schnell meinen Rhythmus. Das Wasser ist ein Traum, die Sonne kommt raus und ich spüre diese unglaubliche Freude in mir. Es macht spaß. Ich überhole unsäglich viele und muss mich bremsen, damit ich nicht schon nach dem Schwimmen zu KO für das Rad bin. Ich überhole weiter Menschen in Gummipelle mit Neonaufdruck. Die Zeit kommt einem im Wasser ewig vor. Irgendwann klettere ich aus dem Wasser und schaue auf meine Uhr 2110 Meter in 37 Minuten. Gar nicht so schlecht. Ich habe mich sogar verschwommen :-D Ich glaube Sebastian habe ich auch noch überholt. Denis wird ja ohnehin laaange nach mir im Ziel ankommen. Und wenn nicht, dann muss ich nächstes Jahr eine Langdistanz anpeilen. Das habe ich zuvor schon deutlich gemacht. Ich finde meinen Wechselbeutel zeitig, gehe ins Umkleidezelt und pelle mich wieder aus dem Neo. Ab zu Miss Perfect und raus. Mein Fan steht am Rand und brüllt mich emsig an. Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit. Zeit raushauen. Was beim Schwimmen super geklappt hat, muss jetzt fortgeführt werden.

 

Der Endgegner

 

Ich rase die flache Strecke an. Nach 20 km geht es den Berg hoch. Sebastian braust an mir vorbei. Von den anderen beiden weit und breit nichts zu sehen. Die Motorradfahrer bestrafen jedes Windschattenfahren und ich versuche mich selbst zu motivieren. Irgendwann kommt man in seinen Tritt am Berg rein und die permanente Steigung ist gar nicht mehr so schlimm. Bis man die 14 % sieht. Da wird es dann sehr sehr anstrengend. Die ersten schieben den Berg hoch. Ich überlege auch kurz, merke dann aber, dass ich zu langsam bin um mich mit links aus der Pedale zu klicken und mit rechts ohnehin keine Option darstellt, weil AUA! Also weiter. Treten, treten, treten. Nach 1 km schaue ich auf meine Uhr. Nur noch 1000 Meter. Ich schraube mich laut atmend den Berg rauf. Stille nur Menschen, die laut ächzen. Nur noch 600 Meter. Ich sehe ein Schild von Ironman auf dem Steht :"nur noch 1 km" Innerlich weiß ich gerade nicht ob ich heulen oder kotzen soll. Wieso das denn jetzt? Ich halte das jetzt einfach aus. Angekommen. Ich würde mich ja gerne freuen aber erstens kommt jetzt die Abfahrt und zweitens habe ich keine Luft mehr. Ich halte meine Bremsen fest. Mein eine einzigen Gedanken, bitte kein Krampf in den Händen und bitte, bitte kein Reifenplatzer, weil die Bremsen zu heiß werden! Ich bin runter fast langsamer als hoch. Am Rand stehen immer wieder Athleten, die ihre Laufräder in den Händen halten und nach dem Materialmotorrad Ausschau halten. Alle platte Reifen vom Bremsen. Ich bete innerlich weiter, dass Miss Perfect dem ganzen Stand hält. Erste Kurve. Ich lebe noch. Zweite Kurve auch überstanden. Ich bin heilfroh, wenn ich hier runter bin. Ich fahre jetzt ausgeklickt damit ich mich im Falle des Falles schneller vom Rad lösen kann. "Wenn man die lange Gerade sieht, dann kann man ordentlich Gas geben", so der Mensch von der Wettkampfbesprechung. Und ich sehe die lange Gerade. Bevor ich Gas gebe atme ich tief durch und freue mich, es überlebt zu haben. Jetzt beginnt der entspannte Teil des Ganzen. Rollen lassen und spazieren gehen.

 

Heftige Unwetter und Unterbrechung

 

Als ich in die Wechselzone rolle habe ich eine Stunde an Zeit rausgehauen und kann nicht nur spazieren sondern sogar schlendern und schaffe es zeitig ins Ziel. Rein in die Laufschuhe, Dixi besuchen und weiter. Ich versuche zu laufen, entschließe mich aber schnell, es lieber in der 2. Hälfte mit dem Laufen zu versuchen, wenn das Ziel näher ist. Mein Fan begleitet mich ein Stück und liest mir die derzeitigen Ergebnisse vor. Denis ist noch auf dem Rad und Sebastian bereits weit vorne beim Laufen. Alles geht seinen richtigen Weg. Nach den ersten 3 km sehe ich Sascha, den ich lediglich an seinem Laufstil erkenne und brülle ihm  von hinten zu. Er ist es Tatsächlich. Ich versuche ein wenig mit ihm mitzulaufen aber keine Chance. Laufen ist keine gute Idee. Ich bleibe in meiner Zeit und will mein Glück nicht überstrapazieren. Nach 9 km lerne ich Dirk auf der Strecke kennen, der sich zu mir gesellt um mit mir zu Ende zu spazieren. Zum Glück nicht allein. Immer mal wieder versuchen mich andere Athleten zum Laufen zu animieren. Ich würde der Aufforderung ja allzu gerne nachkommen aber es stellt sich jedes Mal als ziemlich unklug heraus. Es geht in die zweite und letzte Runde. Der Himmel zieht sich zu und es beginnt zu Donnern. Dann ein Blitz. An der nächsten Verpflegungsstation dann ein paar Helfer zu Dirk und mir: "Stellt euch unter, das Rennen ist für 30 Minuten wegen dem Unwetter unterbrochen". Wir lehnen beide dankend ab. Jetzt verschwitzt hier im Regen stehen und noch krank werden war keine Option. Zumal mir auch niemand meine Frage beantworten konnte, wie sich das stehen bleiben auf meine Zielzeit auswirken würde. Also spazieren Dirk und ich im Regen weiter. Nass sind wir ja ohnehin. An der nächsten Verpflegung das gleiche Spiel. Keiner weiß etwas und alle sind verwirrt. An den Kontrollmatten piept wenigstens der Zeitmesschip. Denis läuft mir entgegen und ist sichtlich am Kämpfen. Ich hätte nie gedacht, dass er mit seinen 4 Wochen Training und im Schnitt so 10 Stunden in der Woche überhaupt so weit kommt. Hauptsache der überholt mich nicht noch. Das Ziel nähert sich langsam. Auf den letzten Metern lässt Dirk mir den Vortritt. Jetzt laufe ich ein letztes Mal. Unter dem Zielbogen lege ich einen klasse Jump fürs Finisherbild hin. Mir wird meine Medaille um den Hals gehangen und ein Wärmedecke umgelegt. Mein Fan schießt ein Bild nach dem anderen und empfängt mich fröhlich. Ich könnte platzen vor Glück.

 

Das bittere Danach

 

Mein Fan nimmt meinen Zeitmesschip ab und holt meine Lady aus der Wechselzone. Viel Zeit wird einem hier nicht gelassen. Der letzte im Ziel hat lediglich nach 8:30 Stunden Wettkampf, eine Stunde Zeit, sein Rad aus der Wechselzone zu holen und muss bis dahin mindestens noch 15 Minuten Fußmarsch zurücklegen. Ich bin dankbar, dass mir das jetzt erspart bleibt. Ich hole meinen Wechselbeutel und beschließe erst zu duschen. Wenn ich sitze, dann war es das für heute. Nach der Dusche sehe ich einen völlig zerstörten Denis in den Finisherbereich reinirren. Wir holen seinen Beutel ab und setzen uns erst einmal. Ich besorge uns etwas zu trinken und sammle dabei gleich Sebastian mit ein. Jetzt wird das Ausmaß der Unterbrechung klar. Beim Livetracking wurde keine Zeit mehr angezeigt. Alle unsere Freunde und Familie wissen nicht was los ist und melden sich bei uns, ob wir noch leben. Wir klären unsere lieben Daheimgebliebenen auf. Ich ärgere mich, weil ich meine Uhr falsch gestoppt habe und keine sekundengenaue Zielzeit habe. Nachdem ich das sehr übersichtliche Buffet gefräst habe, lasse ich mich von meinem Fan und Miss Perfect mit dem Auto einsammeln. Dabei frage ich mich, was noch den Athleten bleibt die es gerade so ins Ziel schaffen. Die haben dann nichts mehr zu Essen aber dafür hätten sie ja ohnehin keine Zeit, weil sie ihr Rad aus der Gefangenschaft befreien müssen. Ich versuche den ganzen Abend noch meine Zielzeit in Erfahrung zu bringen. Keine Chance. Am Tag drauf lese ich bei Facebook in einer Gruppe, dass das Rennen wohl abgebrochen wurde. Es gibt weder Zielzeiten noch Zielbilder. Der letzte Kraftakt meines unfassbar tollen Sprungs für die Tonne :-( Allerdings kann das nicht sein, weil beim Briefing davon die Rede war, dass in dem Falle eines Abbruches ein Motorrad mit einer schwarzen Fahne an einem vorbeifahren würde. Abends erhalte ich eine Email, dass Ironman das Rennen unterbrochen hat und alle, die bis 17:58 Uhr es ins Ziel geschafft haben Zeitlich erfasst wurden. Alle anderen werden in den kommenden 48 Stunden über weiteres informiert. Die Email kam und das Ergebnis war wenig zufriedenstellend. Am Ende bleibt, keine offizielle Zeit und kein Bild. So müssen sich die Mädels bei Germanys next Topmodel fühlen, wenn Heidi mal wieder kein Bild für sie hat. Ich gurke nach wie vor bei km 16 rum und habe ein DNF, wie tausend andere Athleten auch. Kein entgegenkommen seitens des Veranstalters, dass man seine Zeiten von der Uhr einsenden kann und es nachkorrigiert wird. Man habe das Rennen weiterlaufen lassen, damit alle Athleten ins Ziel kommen. Ähm ja, die kommen auch von alleine, da steht noch ein teures Rad und drei Wechselbeutel mit viel Material rum. Ich glaube nur ein Blitzeinschlag auf meinen Körper würde mich davon abhalten. Jetzt habe ich meine erste richtige Mittendistanz gefinished und werde immer das DNF behalten, wie Denis, von dem ja eh keiner Gedacht hätte, dass er es schafft :-D Ganz groß mein Lieber! Respekt! Aber vor allem ganz großer Dank an meinen Fan für das Aushalten meiner Laune, den Taxidiensten und der guten Stimmung über den ganzen Tag :-*

 

 

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