Marathon Training, was das Laufbuch verheimlicht

Meine Marathonvorbereitung lief bisher leider schleppend. Bedingt durch Krankheit, Dienstreisen, und Urlaub. Zeiten in denen ich nicht fit sondern eher fett geworden bin. Ein weiteres Überbleibsel aus der Zeit ist, die panische Angst, noch einmal krank zu werden. Ich meide alles, was eine triefende Nase hat und fühle mich in der Umgebung von schwangeren wohl, die dürfen schließlich auch nicht krank werden. Zudem ist Desinfektionsmittel mein neuer Freund. Kann einsam machen, wenn sich im eigenen Haus einer der größten Bakterienherde verbirgt. Meine Schwester und ihr Freund geben sich seit November die Viren hin und her. Ständig hat einer Fieber, Nebenhöhlen zu oder eine Bronchitis. Wie dem auch sei. Nachdem ich letzte Woche in Holland den Test 10er geschludert habe und mein Gewissen schlechter denn je war, heißt es heute: 30 km. Mein Trainingsplan, der zunächst auf eine Zielzeit von 3:59 Stunden ausgelegt war wurde jetzt von mir umgeschrieben in: ankommen! Vielleicht unter fünf Stunden. Vor dem Besenwagen. Das Verpflegungsdorf wird schon abgegrast sein, aber als Veganer bleibt mir noch die Wiese, mit Gänseblümchen.

 

Mein Wassertaxi zankt!

 

Das Wetter soll heute nicht so gut werden. Die Sonne scheint trotzdem und laut Wetterdienst habe ich bis 17 Uhr keinen Regen zu befürchten. Ich entschiede mich mutig für ein T-Shirt zum Laufen und gebe Criss Cross meine Regenjacke, falls der Wetterfrosch wieder am Vortag zu Tief ins Glas geschaut hat. Außerdem wird Criss mit Gels (letztendlich Zuckerpaste mit Klosteingeschmack) und Wasser ausgestattet. Los geht die witzige Runde zu Fuß. Witzig vielleicht für Criss, ich merke schon auf dem ersten km meine Beine: schwer, Waden schmerzen und Knie sind auch doof. Zunächst geht es durch die komplette City an unzähligen Ampeln zum Rhein. Normalerweise wäre ich ja mit dem Auto dahin gefahren um dann am Rhein zwei Runden zu drehen, aber das hat sich ja erledigt. Ich bin jetzt kompletter Öko :-D Nach 10 km habe ich das erste Mal das Gefühl, dass ich eingelaufen bin.. also nicht körperlich kleiner geworden sondern vielmehr warmgelaufen. Die nächsten 9 km gehen mir dann auch etwas leichter vom Fuße. Nach einem leckeren Apfelklostein und Criss ewigen Zankattacken ist meine Laune auch besser. Wenn er nicht am zanken ist, ist er am essen. Wenigstens kann er mich mit vollem Mund nicht anschreien, dass ich schneller laufen soll.  Und zu Hause wartet noch ein Schokoladenkuchen auf mich. Ab km 20 wird es langsam ekelhaft. Vor zwei Wochen waren die 27 km, davon die letzten 7 ohne Begleitung weil Criss mich verloren hatte, viel leichter gewesen. Die Völlerei der letzten 1,5 Wochen machen sich jetzt bemerkbar.

 

Meckerling unterwegs!

 

Auf den letzten 10 km eröffnen sich mir ganz  neue Seiten. Bis km 22 laufe ich noch am Rhein, dann muss ich wenden und Richtung Kuchen laufen. Criss wartet an der Kennedybrücke, wenigstens wartete er heute und haut nicht ab um mich dann erfolglos zu suchen :-D Ich bin bereits extrem genervt. Endlich kommt die Wende, ich habe Durst und brauche meinen nächsten Schub Klostein. Da sehe ich Criss, er versucht ein Bild zu machen, während ich ihm nur entgegen brülle.. nix Foto! WASSER!!! JETZT! Ich kann nicht reden, mein Puls geht zu hoch. Die Wasserflasche ist leer. In meinem Gedanken bin ich nur am Fluchen. Auf den letzten 5 km finden die Worte ihren Weg an die Luft. Schimpfend trabe ich die Straßen entlang, brülle wütend, wenn eine Ampel rot ist und kündige an, bei der nächsten roten Ampel war es das, dann gehe ich! Criss fährt jedes mal brav vor und drückt die Knöpfe, damit es bloß grün ist, wenn ich angemotzt komme. Jeder Fußgänger, der mir im Weg ist bekommt auch eine Ladung "Freude" ab. Auf dem letzten 1,5 km dann durch das Feld und mitten im Weg, drei dicke Asikids, die laute Musik über ihr Handy hören, während sie mit gebrochenem Deutsch sich gegenseitig beweihräuchern, wie krass cool sie sind.

 

Ich mutiere zum Arschloch!

 

Und nein, es waren Kinder ohne Migrationshintergrund. Dem einem hing die Hose in den Kniekehlen... Meckernd näher ich mich der Bildungselite während ich Sachen von mir sagen hörte wie "wo hängt denn die Hose? Ist schon fett und dann ist die Hose trotzdem zu groß! Aus dem Weg Specki, ich kann nicht anhalten.. wehe ich muss anhalten!" Wahrscheinlich hat man mich ohnehin schon kaum verstanden oder mich ganz einfach für eine Verrückte gehalten die aus dem LKH die 5 km gerannt ist. Aber mir wurde der Durchgang gewährt. Nach 30 km darf ich das ganze endlich beenden. Jetzt nur noch die Treppenstufen bis unters Dach klettern und dann werde ich vor Montag die Couch nicht verlassen. Es hat weh getan, es war null schön und so schlechte Laune habe ich sonst nur, wenn ich keinen Sport mache. Ich hoffe beim Marathon läuft das anders, sonst werde ich an den Verpflegungsstellen beworfen und es wird auch keiner mehr ein nettes Wort für mich über haben. Nicht einmal ich an mich. So stand das in keinem Buch und erst Recht nicht in dem Großen Laufbuch, das meine persönliche Bibel geworden war. Ein einfacher Satz wie, beim Marathontraining mutieren sie zu einem Arschloch. Ohne Criss Cross hätte ich bisher nicht einen der langen Läufe durchgehalten. Danke fürs aushalten, zanken und motivieren, wenn ich es schon lange aufgegeben habe.

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